Praxisbeispiel Schulhaus Nord in Bischofszell

Wer öffentliche Bauten mit eigenem Holz plant, muss sich bereits in der Phase des Vorprojekts grundlegende Fragen stellen, wie Ralf Helg erklärt. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung der Krattiger Holzbau AG – und er war Verantwortlicher für dieses TU-Projekt. Im Interview gibt er konkrete Tipps für die Umsetzung.

Ralf Helg, was ist wichtig beim Bauen mit eigenem Holz?

Entscheidend sind eine durchdachte Organisationsstruktur und eine gute Koordination der beteiligten Akteure. Es braucht ein klares Konzept und eine funktionierende Verarbeitungskette mit zuverlässigen Partnern.

Beim Ersatz-Neubau des Schulhauses Nord in Bischofszell waren wir als Totalunternehmer (TU) verantwortlich für den gesamten Bauablauf. Die Weichen für den Einsatz von Holz aus dem Wald der Bürgergemeinde Bischofszell wurden gestellt, bevor wir überhaupt den Zuschlag als TU bekamen. Die Volksschulgemeinde (VSG) Bischofszell engagierte dafür frühzeitig die Fachleute der B3 Kolb AG und der ThurHOLZ GmbH für die nötigen Abklärungen.

Flur des neuen Schulhauses Bischofszell Nord in Holzbauweise

TU-Projekt: Ersatz-Neubau Schulhaus Nord in Bischofszell

Welche Rahmenbedingungen sind zu beachten?

Die Bauherrschaft der öffentlichen Hand kann die Herkunft des Holzes nicht ohne Weiteres als Bedingung festlegen. Sie kann aber über die Vergabekriterien Einfluss nehmen, indem sie Nachhaltigkeit und Qualität stark gewichtet. Die Lignum Holzwirtschaft Schweiz, der Dachverband der Holzbranche, hat dazu mehrere Hilfsdokumente veröffentlicht.

Die öffentliche Hand kann Holz als Material für ein Bauprojekt vorsehen – und zwar unabhängig vom Ausschreibungsverfahren. Wegen der sogenannten Bagatellklausel verletzt sie bis zu gewissen Summen den WTO-Grundsatz der Diskriminierung nicht. Diese legt Ausnahmen fest. So können Einzelleistungen freihändig oder im Einladungsverfahren vergeben werden.

Wie wurde das Ganze in Bischofszell umgesetzt?

Die Bürgergemeinde Bischofszell bewirtschaftet den Wald in der direkten Umgebung des Neubaus. Die VSG wollte aufgrund ihrer Nachhaltigkeitsstrategie das eigene Holz für den Neubau verwenden und definierte für die Submission die Wertschöpfungskette Holz inkl. einer exakten Preiskalkulation.

Durch die Vergabe an einen TU behielt sich die Bauherrschaft ein Veto-Recht bei den Vergaben der direkten Subunternehmer des TU vor. Dadurch wurden alle Vergaben aufgrund des Vorschlages von uns als TU nochmals im Gremium diskutiert und erst danach erfolgte die Vergabe an den Unternehmer.

Welche Herausforderungen gab es in Bezug auf die Holzbeschaffung?

Die Verarbeitung von (verleimtem) Bauholz folgt immer dem gleichen, einfachen Schema: Wald – Förster – Sägerei – Leimwerk – Abbund – Elementbau – Baustelle. Wichtig ist eine frühzeitige Planung. Die grösste Herausforderung ist die Koordination der verschiedenen Arbeitsabläufe und Akteure.

Verarbeitungsschritte: vom Baumstamm in der Sägerei zum Element

«Frühzeitige Planung und durchdachte Koordination der verschiedenen Akteure sind entscheidend.»

Für den Ersatz-Neubau in Bischofszell erstellten die beiden am Projekt beteiligten Firmen B3 Kolb AG und ThurHOLZ GmbH deshalb ein Ablaufschema. Es orientiert sich an den Bauphasen des SIA und zeigt anschaulich den kompletten Prozess der Verwendung des Holzes aus dem Wald der Bürgergemeinde Bischofszell.

Beispiel: Ablaufschema «Verwendung von Holz aus dem Bischofszeller Wald» | Grafik: B3 AG

Konzept für die Verwendung des Holzes für den Neubau des Schulhauses Bischofszell Nord

Die wichtigen Entscheide fallen bereits während der Phase des Vorprojekts. Es braucht einerseits ein Beschaffungskonzept. Andererseits müssen der Holzbedarf sowie die projektspezifischen Möglichkeiten des Vergaberechtes und die lokale Verfügbarkeit ermittelt werden. Dazu tauschen sich Bauherrschaft, Architekt und Holzbauingenieur mit Forstbetrieben und Sägereien aus. Sind die wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit der Holzbeschaffung geklärt, kann der Prozess weitergehen – im Fall von Bischofszell mit der Volksabstimmung und der TU-Submission.

Das Projekt wurde mit dem Label HSH (Herkunftszeichen Schweizer Holz) ausgezeichnet.

Genau. Denn das Holz für den Neubau stammt zum grössten Teil aus dem Bischofszeller Wald. Insgesamt verbauten wir ca. 450 m³ Holz und Holzwerkstoffe. Sie bestehen zu ca. 75 Prozent aus Bischofszeller Fichte. Die Holzwerkstoffplatten wie OSB, Sperrholz und die dünnen Dreischichtplatten sind wie üblich aus FSC-zertifizierten Produkten gefertigt. Das Zertifikat wurde am 27. September 2025 übergeben.

Zertifikate Schweizer Holz und Minergie-A für das Schulhaus Bischofszell Nord

Label Schweizer Holz: Zertifizierung für das nachhaltige Bauwerk Schulhaus Nord in Bischofszell dank Holz der Bürgergemeinde und der Verarbeitung in der Region

Welche Bedeutung hatte die Verarbeitungskette?

Sie war ein Erfolgsfaktor. (lacht) Ohne funktionierende Verarbeitungskette mit zuverlässigen Partnern ist der Zeitplan des Projekts gefährdet. Und das führt unweigerlich zu Zusatzkosten. Selbstverständlich gibt es noch weitere Parameter, die ein Bauvorhaben beeinflussen. Aber die Verarbeitungskette ist entscheidend. Nur wenn das Zusammenspiel zwischen Forstbetrieb, Sägerei, Hobel-/Leimwerk und Zimmerei reibungslos klappt, steht das Gebäude zum vereinbarten Zeitpunkt für die Nutzung bereit.

Ralf Helg, vielen Dank für das Gespräch.

Krattiger Holzbau AG: Partner für TU-/GU- und Holzbau-Projekte

Wir sind ein bodenständiger Handwerksbetrieb aus Amriswil. Seit 1970 realisieren wir Holzbau-Projekte für Private, Unternehmen und die öffentliche Hand in der ganzen Ostschweiz. Unsere Firma wächst laufend – auch in Bezug auf das Angebot. Das Leistungsspektrum umfasst mittlerweile die ganze Dienstleistungspalette im Holzbau: von Schreinerarbeiten bis zu TU-/GU-Projekten mit eigener Architektur-Abteilung. Regionale Sägereien und Holzleimbaubetriebe verarbeiten für uns vorwiegend Holz aus der Region.